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Bis der Kopf qualmt


Auftragsarbeiten können mitunter eine rechte Herausforderung sein.


Besonders, wenn ein Portrait gewünscht wird. Denn Portraits sind, wie wir in dem Beitrag vom Gyrus Fusiformis gesehen haben, nun mal die absolute Königsdisziplin.


Besonders, wenn es sich dabei um ein Doppelportrait handelt, da immer die Gefahr besteht, dass das eine gelingt, aber das andere nicht. Denn dann kann man praktisch von vorne anfangen.


Besonders, wenn es mit Aquarell gemalt werden soll, weil man Aquarelle nicht so einfach übermalen kann. Sie verzeihen Fehler am allerwenigsten, da muss jeder Pinselstrich „sitzen“.


Besonders, wenn dieses Aquarell auch noch in einem bestimmten Stil eines anderen Malers gewünscht wird, weil man seine Malweise dann entsprechend verändern muss.


Besonders, wenn die Ähnlichkeit zu den Modellen jedoch auf gar keinen Fall darunter leiden darf.


Besonders, wenn diese Ähnlichkeit schwer hinzubekommen ist, weil es sich bei den Modellen um kleine Kinder handelt, deren Gesichtszüge grundsätzlich nicht so markant sind, wie bei Erwachsenen und man daher Mühe hat, ihre Besonderheiten herauszufinden.


Besonders, wenn man diese Kinder nur ein einziges Mal live gesehen hat.


Besonders, wenn diese Kinder auch noch zufällig eineiige Zwillinge sind ...



Der schwierigste Auftrag, den ich je bekommen habe, war ein Doppelportrait von Zwillingen. Dass bei Zwillingen der Gyrus Fusiformis bereits auf Hochtouren läuft, kann man sich ja vorstellen. Immerhin, im Laufe der Jahre kristallisieren sich auch bei Zwillingen unterschiedliche Gesichtszüge heraus, der eine hat da mehr Falten, der andere dort.. Diese Zwillinge waren aber keine zwei Jahre alt, und je jünger ein Gesicht ist, desto weicher, glatter, gleichmäßiger ist es in der Regel, es fehlt das Markante, an dem man sich als Zeichner "festhalten" kann. Kleinkinder sind um einiges schwieriger zu malen als Alte, und diese beiden waren auch noch eineiig, zwei Mädchen, die sich so ähnlich sahen, dass sogar die Großeltern manchmal Schwierigkeiten hatten, die beiden auseinander zu halten. Von den Großeltern bekam ich auch den Auftrag. Ein Aquarell sollte es werden, im Stil ähnlich wie ein Gemälde das seinerzeit der Heimatmaler Adolf Glattacker von dem Großvater der Zwillinge erstellt hatte, als dieser selbst noch ein Kleinkind war.

Ich musste also dieses winzige Etwas, was die beiden kleinen Mädchen voneinander unterschied, herausfinden, dieser eine Hauch, der sie wirklich, auch als Zwillinge, einzigartig machte, diese eine Spur in ihrem Gesichtchen, die sie auch von ihrer gleichaussehenden Schwester noch abgrenzte.

Und ich musste es nicht nur herausfinden, ich musste es auch noch zu Papier bringen. Und zwar so treffend, dass die Mutter, für die es eine Überraschung werden sollte, sehen konnte: ja, das ist die eine, und das ist die andere. (Und dabei auch noch den Malstil von Adolf Glattacker noch im Auge behalten, uff!).

Ich hab die beiden besucht, als sie bei ihren Großeltern waren. Zwei herzige Mädchen, aufgeweckt und sehr lebendig. Ich habe sie, wie man so schön sagt "mit den Augen verschlungen", hab sie beobachtet, hab alles studiert und aufgesogen, was ich in ihren Gesichtern entdecken konnte.

Zwischendurch hatte ich ernsthafte Bedenken, dass mein Kopf bald zu rauchen anfangen würde. Ich bin zwar recht gut im Gesichtererkennen, wenn es in Rätseln darum geht, zu erraten, welche Stars sich hinter irgendwelchen Kinderfotos verbergen, hab ich immer höchste Punktzahl. Aber das hier war nochmal ein ganz anderes Level. Weil die beiden so dermaßen gleich waren! Selbst der Großvater gab zu, dass er sie manchmal noch verwechselte, und er kannte sie schon zwei Jahre lang, ich jedoch sah sie zum ersten Mal! Aber dann, so nach zehn, fünfzehn Minuten hat es plötzlich Klick gemacht. Auf einmal konnte ich die beiden auseinanderhalten, selbst wenn sie einzeln ins Zimmer kamen. Irgendwie schien die eine einen etwas "forscheren" Blick zu haben als die andere, ein winziger Funke Vorwitzigkeit gegenüber einer hauchzarten Spur Verträumtheit. Jetzt musste ich diese Vorwitzigkeit in den Augen irgendwie auf Papier bringen.

Was hatte ich Angst, dass mir die eine gelingt und die andere nicht, womit das ganze Bild unbrauchbar geworden wäre! Dass mir aus Versehen etwas Farbe aufs Papier tropft, da, wo sie nicht hingehört, weil der Pinsel vielleicht zu nass war. Dass sie in die falsche Richtung fließt, oder gar das Wasserglas umfällt. Gott, was hab ich geschwitzt bei diesem Bild.

Könnte man auch im Gehirn einen Muskelkater bekommen, ich hätte es wahrscheinlich tagelang nicht mehr richtig benutzen können. Aber es klappte, sogar auf Anhieb. Ich musste nicht mal mehrere Anläufe starten. Ich war zufrieden, und meine Aufraggeber offensichtlich auch.

Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass ich einfach nur Glück hatte...

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