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  • AutorenbildBildergeschichten - JuMoRa

Badischer Bahnhof, 16 Uhr 47

Verborgenes unter der Oberfläche



Ich weiß nicht, wie das bei anderen Malern und Malerinnen so ist:

Aber dass ich meine eigenen Bilder übermale, passiert öfter, als man denkt.

Vor allem für die, die schon länger bei mir herum stehen, wird es gefährlich.

Irgendwann konstatiere ich nämlich ziemlich mitleidlos: "So, ihr habt eure Chance gehabt!" und dann gehts ihnen an den Kragen. Das Gute ist der Feind des Besseren - so ist das nun mal.


Das war auch bei diesem Bild der Fall, auf dem ursprünglich zehn verschiedene Frauenfiguren zu sehen waren, bevor ich sie wieder hinter weißem Seidenpapier verschwinden ließ.

"Kein Wunder!" mag nun mancher Chauvinist spotten, "Zehn Weibsbilder, die auf engstem Raum um Aufmerksamkeit buhlen? Das kann ja nur schief gehen!"

Dabei buhlten sie gar nicht. Frauen können sehr gut miteinander harmonieren!

Aber die Komposition war nicht gelungen, die Darstellungen zu unterschiedlich: Das Auge wanderte von einer zur anderen und konnte sich nicht entscheiden. Daher das Seidenpapier.

So kam Ruhe ins Bild (und die Damen hatten etwas mehr Privatsphäre).


So sah das Bild ursprünglich aus:

Ich malte es für eine Gruppenausstellung im Burghofmuseum Lörrach mit dem Titel "Zehn im Quadrat"



Darüber malte ich nun eine einzige Person. Eine junge Frau, die mir einmal in der S-Bahn gegenüber saß. Und witzigerweise gilt für sie das gleiche, wie für das Bild an für sich: nämlich, dass wir immer nur einen Teil des Ganzen sehen, während der Rest unter der Oberfläche verborgen bleibt.

Die junge Frau mag ruhig wirken, aber dadurch, dass ich mich nicht auf eine einzige Arm- bzw. Kopfhaltung beschränkt, sondern mehrere Versionen stehen gelassen habe, lässt sich Bewegung erahnen - Bewegung, die gerade soeben stattgefunden hat oder jeden Moment erfolgen wird.



Wie ein Mini-Film


Wenn ich in der S-Bahn Skizzen mache, muss ich schnell sein, weil die Leute, auch wenn sie nur dasitzen, doch immer wieder ihre Position verändern.

Was sie innerlich bewegt, kann ich immer nur erahnen, aber indem ich auf das Radieren verzichte, kann ich zumindest all diese kleinen Bewegungen ihrer Körpersprache festhalten, die vielleicht doch etwas mehr Rückschlüsse auf ihren Gefühlszustand geben, als es das Festhalten eines einzigen statischen Augenblicks täte.


Eine der Frauen hat sich

gewissermaßen im Rucksack versteckt

So schimmert doch hin und wieder eine Emotion durch, ähnlich wie auf dem Bild unter dem Seidenpapier eine der ursprünglichen Frauenfiguren hindurch scheint.



Ein Gefühl schleicht sich von ganz alleine hinein


Ich liebe es Menschen zu zeichnen, vor allem Gesichter. Dabei bemühe ich mich nicht um einen bestimmten Ausdruck, ganz im Gegenteil. Ich halte es da eher mit "Underacting" wie die Schauspieler sagen würden. Also bloß keine aufgesetzte Emotion, keine dramatischen Augenbrauen oder typische Mimik. Denn witzigerweise kommt die Emotion ganz von alleine, es reicht, wenn ich gut beobachte und mich in den Menschen hinein versetze. Dann schleicht sich das ganz von alleine hinein, selbst wenn ich mich bemühe, einen betont neutralen Gesichtsausdruck zu malen, ich glaube, es geht gar nicht ohne.






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