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Irreparabel


Das Bild „Irreparabel“ ist kein Sofabild. Unter 'Sofabildern' verstehe ich solche, die man kauft, weil sie farblich genau zum Sofa passen. Die dekorativ sind und gefällig, hübsch anzusehen oder einem Raum ein wenig Glamour geben.

„Irreparabel“ ist so ziemlich das Gegenteil davon. Es entstand für eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg, die 2014 in der Galerie Ars Nova gezeigt wurde.


Es ist nicht auf eine weiße Leinwand gemalt und es steckt auch nicht hinter Glas in einem soliden Rahmen. Stattdessen ist es wie provisorisch an die Wand genagelt, die Kanten schief und unregelmäßig, die Oberfläche wellig und zerknittert. Dabei wirkt es wie zusammengeflickt, so, als wäre es schon mehr als einmal zerrissen und wieder geleimt worden, zerfetzt und wieder genäht, verwundet und wieder verbunden.

Bildausschnitt


Auf diese Weise unterscheidet es sich nicht sehr von den begrenzen Möglichkeiten der Soldaten in den Schützengräben, die, wenn überhaupt, ebenfalls immer nur notdürftig und kümmerlich zu reparieren vermochten, was gerade wieder kaputt gegangen war. Ganz gleich, ob es sich dabei um ihre Kleidung, ihre Haut, oder - im schlimmsten aller Fälle - ihre Seele handelte.

Manche Narben verheilen nie - und so trägt auch der Malgrund von "Irreparabel" sichtbar seine Blessuren davon: Eingerissene Kanten werden notdürftig mit Verbandmull überklebt, lose Wollfäden flüchtig mit Metallklammern zusammengetackert.

Aber so wie zuvor wird es nie wieder sein.



Bildausschnitt

Ich habe mich dem Thema Erster Weltkrieg von einer sehr subjektiven, emotionalen Seite her genähert. Nicht der unfassbare Schrecken, die gewaltige Katastrophe als solche bildet das Hauptmotiv, sondern der einzelne Mensch, der dieser Katastrophe gegenüber steht und mit ihr fertig werden muss. So ist auf diesem bizarren Flickenteppich, diesem Gewirr aus Fragmenten und Nähten, Bruchstücken und Verbindungslinien eine einsame weibliche Gestalt zu sehen, die in ihrer statischen Ruhe wie ein Gegenpol dazu bildet.

Bildausschnitt

Eine junge Frau steht am Fenster und wartet.

Wartet, ob ihr Mann, ihr Bruder, ihr Vater wieder zurück kehrt von der Front. Wartet wie so viele Frauen in dieser Zeit. Wartet und hofft, wartet und verzweifelt.

Und schreibt. Schreibt vom "Alltag" daheim, aufmunternde Worte, in einer Zeit, in der jeder Trost wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein erlischt, und in der die Menschen doch kaum etwas so sehr bedürfen, wie ein paar Worte der Hoffnung, ein paar Zeilen liebender Grüße, ein Quäntchen Zuspruch in einer Welt des Grauens.

Und vielleicht schreibt der innig Vermisste zurück. Berichtet vom "Alltag" an der Front, von dem Granatenhagel und dem Artilleriefeuer, von den Verletzten und den Toten, bedankt sich für das letzte Päckchen, das ihn doch erreicht hat, zwingt sich vielleicht etwas Galgenhumor ab oder spielt tapfer das Grauen herunter, um die daheim nicht noch mehr zu ängstigen.


"Die Wartende"

Ein weiteres Bild, das auch in der Ausstellung hing, habe ich mit Ölfarben auf Leinwand gemalt

Ich habe nach solchen Briefen recherchiert und dieses Recherchieren war vielleicht das Schwierigste an dem ganzen Projekt, denn es ging mir sehr nahe. Einige Briefe habe ich Wort für Wort von Hand in das Bild hineingeschrieben, in der Schrift, die zu Zeiten des Ersten Weltkriegs üblich war, der Kurrentschrift.

So überziehen Zeilen um Zeilen des Kriegsalltags das Gemälde von der jungen Frau, die da am Fenster steht und wartet.




Wir bleiben im Ungewissen, ob ihr Warten vergebens ist oder nicht; der Moment wirkt wie eingefroren und lässt alle Möglichkeiten offen, auch die, dass der geliebte Mensch schon innerhalb der nächsten Stunde unverletzt eintrifft. Dennoch bleibt eine tiefe Melancholie spürbar und lässt sich nicht "weghoffen".

Vielleicht liegt es daran, dass sowohl Kleidung als auch Frisur der jungen Frau im Gegensatz zu den altdeutschen Schriftzügen nicht spezifisch einer bestimmten Epoche angepasst ist. Es könnte sich auch um eine Frau aus der heutigen Zeit handeln. Das beklemmt uns, wissen wir doch alle nur zu gut, dass diese Angst und dieses verzweifelte Warten, die für uns eigentlich der Vergangenheit angehören, in anderen Ländern gegenwärtig sind.





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