Statement

Der Rote Faden meiner Kunst

"Okay, du hast Talent," sagte man zu mir, "du malst nicht schlecht. Aber es fehlt der Wiedererkennungswert. Deine Bilder sind zu unterschiedlich."


"Scheißwiedererkennungswert" seufzte ich, während ich die Ölfarben in die alte Zigarrenkiste räumte. "Ich will nicht immer das Gleiche malen."

"Musst du aber. Sonst erkennen die Leute deine Bilder nicht. Und das ist es, worauf es ankommt. Sie wollen auf Anhieb sagen können, von wem ein Bild ist."


"Wozu?" erwiderte ich stirnrunzelnd und legte Feder und Tusche parat. "Ist das denn so wichtig? Reicht es nicht, wenn man gut malt?"

"Nein. Du musst dir einen Namen machen. Und das erreichst du am besten, wenn du immer den gleichen Stil oder das gleiche Thema hast. Wenn du zum Beispiel immer verwackelte Quadrate malst, dann wissen die Leute: 'Ahh, das ist doch die mit den verwackelten Quadraten! Das kenn ich!!'"

"Hilfe, ich will doch nicht immer nur verwackelte Quadrate malen! Wie langweilig ist das denn? Ich möchte heute dieses malen und morgen jenes, was mich eben gerade bewegt

und beschäftigt! Und dazu die Technik anwenden, mit der ich das am besten ausdrücken kann. Ich möchte heute die feinsten Federzeichnungen machen dürfen und morgen die wildesten Ölgemälde. Je nachdem, wie ich mich gerade fühle. Das ist für mich Kreativität, das ist für mich Authentizität! Wichtig ist doch vor allem, dass die Qualität stimmt, ob ich nun verwackelte Quadrate male oder zittrige Kreise oder sonst was."

"Ja, aber woran sollen die Leute dann erkennen, dass ein Bild von dir ist? Sie brauchen einen roten Faden!"

"Einen roten Faden? Nun gut, den sollen sie haben!" Ich kramte in meiner Materialschublade und zog ein Knäuel Baumwollgarn hervor, in schönstem Zinnoberrot.

"Voilà!" sagte ich triumphierend.

Ein ungläubiges Lachen schallte mir entgegen. "Du machst Witze, Julia! Doch nicht so einen roten Faden!" 

"Warum nicht?" erwiderte ich und testete, ob er sich in eine Leinwand fädeln ließe. Es klappte.

"Na bitte: Von nun an werden alle meine Bilder einen roten Faden haben. Dann können die Leute sehen: 'Aha! Ein roter Faden! Dieses Bild muss von Jumora sein! Das hab ich doch schon mal gesehen!' - sie können sich einen Spaß daraus machen und wetteifern, wer den roten Faden zuerst entdeckt. Sie können nach ihm Ausschau halten, wie man in alten Hitchcock-Krimis immer nach dem Meister selbst Ausschau hält. Sie können sich den Kopf zerbrechen, ob er einen tieferen Sinn hat oder nicht. Ja, von mir aus, sollen sie ihren roten Faden haben! Aber mich bitteschön malen lassen. Was ich will, wann ich will und vor allem wie ich will.
Wer weiß schon, was kommt? Wer weiß, was mir morgen einfällt? Ich will einfach nur Bilder malen. Gute Bilder, ja, den Anspruch hab ich. Aber den Wiedererkennungswert sollen sich die Leute an den Hut stecken."

"An den Hut stecken?!"

"Jawohl, Sir, an den Hut stecken! Oder heften. Oder nähen, ganz wie sie wollen. Meinetwegen mit einem roten Baumwollfaden...."

Mal am Handgelenk, mal am Ärmelbündchen, mal als Fingerring:

Drei Beispiele, wo der rote Faden überall versteckt sein kann