• Momente im Leben - JuMoRa

Brückenschlag

Aktualisiert: vor 11 Stunden

... oder wie eine einfache Bleistiftzeichnung dazu beitrug, das Eis zu brechen. Ein Reisebericht aus einer Zeit, als Handy und Internet noch kein Thema waren


Longido 1990: kein Touristenziel, aber dafür umso liebenswerter

Okuli hatte gesagt, wir sollten unsere Fotoapparate lieber im Camp lassen, wenn wir am nächsten Morgen zu dem Massaimarkt aufbrechen wollten. Keiner widersprach.

Wenn Okuli, der ja selbst bei den Massai aufgewachsen war, uns das nahe legte, dann würde er wohl seine Gründe dafür haben. Er könne nicht vorhersehen, wie die Massai auf so etwas reagieren würden, hatte er erklärt, und dabei ein so ernstes Gesicht gemacht, wie es ihm nur möglich war; aber ich glaube, es ging ihm eher darum, dass er sich nicht mit uns weißen "Mzungus" blamieren wollte, und dass er selbst eine tiefe Abneigung empfand gegen Touristen, die ständig unaufgefordert seine Landsleute abknipsten als wären sie seltene Tiere im Zoo.


"Kühe hat es da." grunzte er. "Einfach nur Kühe."



Nun denn, dann ließen wir unsere Apparate eben in unserer Unterkunft zurück, viel zu sehen gäbe es sowieso nicht, so Okuli. Ich gebe zu, dass ich mir damals unter "Massai-Markt" nichts Rechtes vorstellen konnte. In meiner naiven Phantasie schwebten mir bunte Stände vor, mit feilschenden Händlern und fremdartigem Kunsthandwerk. Okuli lachte mich aus. "Kühe hat es da."

grunzte er. "Einfach nur Kühe."

Aha. Nur Kühe also. Das klang wahrlich nicht besonders aufregend. Trotzdem oder gerade deswegen packte ich meinen Zeichenblock ein. Falls mir langweilig wurde, könnte ich ja ein paar Kühe zeichnen.

Als wir am nächsten Morgen aufbrachen, blickte ich in Gesichter, in denen mehr Schlafbedürfnis denn Neugierde geschrieben stand. Dennoch war die Stimmung gut, als wir in den schrottreifen Bus stiegen, der uns auf holprigen Nicht-Wegen weit ins Landesinnere brachte. Hinter uns lagen zwei Wochen Arbeit beim Bau des Community-Centers in Longido und diesen Ausflug hatten wir uns redlich verdient. Je länger die Fahrt dauerte, desto mehr wich die Müdigkeit einer gespannten Vorfreude, und auch ein wenig Stolz schwang dabei mit. Denn das, was wir bald zu sehen bekämen, sollte zwar nicht sonderlich sensationell, dafür aber eben "echt" sein. Ein Markt, zu dem Weiße normalerweise keinen Zugang hatten, etwas Ursprüngliches und Authentisches, fernab aller Pauschalreisen und Touristenattraktionen. Okuli war mächtig stolz auf sich, dass er das hatte organisieren können. Aber ich glaube, er war auch etwas nervös. Kurz bevor wir ankamen, schärfte er uns jedenfalls nochmal ein, wir sollten uns möglichst unauffällig verhalten und lieber im Hintergrund bleiben.



Der Massaimarkt - erst zwei Jahre später konnte ich ein Foto davon machen



Demzufolge standen wir kurze Zeit später brav hinter einem Mäuerchen in respektvoller Entfernung und....schauten. Schauten auf Rinder, sehr magere Rinder, mit langen Hörnern und hohem Rist, und auf Massai, mit Speeren und hennagefärbten Haaren. Ihre roten Gewänder hoben sich leuchtend von der staubigen Steppenlandschaft ab, und als sich ein paar von ihnen etwas weiter entfernt unter einer ausladenden Schirmakazie versammelten, bereute ich es, den Fotoapparat nicht dabei zu haben, um diesen wunderbaren Augenblick festhalten zu können. Diese vereinzelten roten Farbtupfer in dem bräunlich-blassen Grün....das musste ich mir einfach merken. Ich beschloss, eine kleine Skizze zu machen, die ich zuhause ausarbeiten wollte. Dagegen konnte wohl niemand etwas einzuwenden haben. Außerdem war ich weit genug entfernt,

als dass es jemandem auffallen würde. Dachte ich zumindest.

Ich ging also um das Mäuerchen herum, setzte mich auf meine Tasche und begann zu zeichnen. Schon bald war ich so in mein Tun versunken, dass ich kaum mehr die unzähligen Fliegen wahrnahm, die doch sonst so lästig waren.

Mein Bleistift glitt über das Papier und ich vergaß die Welt um mich herum.

Die Fliegen, die Rinder, die anderen von meiner Gruppe - alles war vergessen.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort im Staub saß, und was es genau war, was mich aus meiner Versunkenheit aufwachen ließ. War es ein leichtes Frösteln, das mich plötzlich erschaudern ließ, oder war es die Lichtveränderung, so, wie wenn sich eine Wolke rasch über die Sonne schiebt, und alles für einen kurzen Moment bläulicher wirken lässt?

Als ich aufblickte, sah ich nur noch Speere und Beine. Nackte, schwarze Beine hochgewachsener Krieger.

Auf jeden Fall nahm ich wahr, dass es auf einmal schlagartig einen Tick dunkler geworden war. Ich blickte leicht unwillig von meinem Blatt auf.....und zuckte zusammen, denn alles, was ich im ersten Moment sah, waren lange Speere und Beine. Nackte, schwarze Beine hochgewachsener Krieger.

Nun war klar, was da soviel Licht geschluckt hatte - es waren die Massai, die einen dichten Kreis um mich, die ich da immer noch am Boden saß, gebildet hatten. Ihre Speere wirkten wie die Gitterstäbe eines Käfigs, der mich von der Außenwelt abschottete, aber eine Öffnung hatten sie gelassen, nämlich jenen Bereich, zu dem mein Blick sich von Zeit zu Zeit wandte, um mein Motiv, die Versammlung unter der Arkazie, erfassen zu können. Und jeder, der hinzukam und sich versehentlich in meinen Blickwinkel stellte, wurde von den Anderen augenblicklich und rigoros zur Seite geschoben. Was immer das seltsame weiße Mädchen da zeichnete, es sollte ungestört in seiner Tätigkeit fortfahren können.


Also zeichnete ich weiter, und es schien, als würde jeder einzelne Strich den ich tat, mit Argusaugen verfolgt. Zeitweise war es so still, dass man nur das Kratzen meines Bleistiftes auf dem Papier hörte, dann wiederum wurde mein Tun mit fremd klingender Sprache kommentiert.





Zuhause aus dem Gedächtnis gezeichnet


Aber die Atmosphäre war nicht etwa feindlich oder bedrohlich - ganz im Gegenteil. Ich verstand zwar kein Wort, aber ihre Stimmen klangen entspannt, ab und zu hörte man ein verstecktes Kichern heraus.

Ich hatte keine Angst, zumindest nicht, solange ich zeichnete. Was ich danach tun sollte, wusste ich nicht so recht. Aber irgendwann war mein Bild einfach fertig, es gab nichts mehr daran herumzukritzeln; und immer wieder dieselben Linien nachzufahren ist auch müßig, mittlerweile hatte ich fast jeden Grashalm, jedes Blatt, jedes Steinchen einzeln gezeichnet. Aber aufstehen, und mir einen Weg durch sie hindurchbahnen, davor scheute ich mich. Sie kamen mir aus meiner Perspektive auch so riesig vor, und ich fühlte mich so winzig.

Ich beschloss, ein zweites Bild zu zeichnen.

Ich hatte in Longido schon Kinder gezeichnet, warum also nicht auch Erwachsene?

Als ich die Seite umblätterte und das neue, weiße Papier glatt strich, bereit, es mit meinen Strichen zu füllen, erhob sich augenblicklich wieder ein vielstimmiges Gemurmel - gefolgt von gespannter Stille. Sie warteten, das war zu spüren, und ich überlegte fieberhaft, was zum Teufel ich nun malen sollte.

Ich schaute sie an. Ganz kurz nur, damit es ja nicht aufdringlich wirken möge. Schnell huschte mein Blick über ihre Gesichter, von einem zu andern, aber dann blieb er hängen. Rechts vor mir stand ein Mann, mit einem Gesicht, so eigen und doch so anmutig, wie ich es selten gesehen habe. Ich zögerte. Ob ich es wagen konnte, ihn....? Ach was. Ich hatte in Longido schon Kinder gezeichnet, die sich darüber gefreut hatten - warum sollten sich Erwachsene nicht auch darüber freuen?

Also gut - Bleistift gespitzt und los. Ein längliches Oval für die Gesichtsform, die Mittelachse, zwei Linien für den Hals.... Sie wussten sofort, was ich vorhatte. Dass diesmal also einer von ihnen dran war. Wieder erhob sich ein Gemurmel, ich spürte, wie sie meinen Blick beobachteten und eifrig versuchten herauszufinden, wen von ihnen ich als Motiv erkoren hatte. Ihre Blicke wanderten wie Pingpongbälle zwischen meinen Augen und ihresgleichen hin und her, und als sie endlich herausgefunden hatten, wer nun mein Modell werden sollte, fingen sie an zu feixen, boxten meinen schönen Mann kichernd in die Rippen und versuchten ihn in Verlegenheit zu bringen.

Er aber, der nun ebenfalls wusste, dass ich ihn zeichnen wollte, stand da wie aus Stein gemeißelt, absolut aufrecht und regungslos - nie wieder im Leben habe ich so ein gutes Modell gehabt.

Ich konnte in aller Ruhe seine hohe Stirn zeichnen, seine beinah konkaven Wangen und die vollen Lippen, seine Nase, seine schmalen dunklen Augen und nicht zuletzt seine langen Massai-Ohrläppchen samt dazugehörigen Schmuck.

Ich glaube, er hat nicht einmal geblinzelt.... wann immer ich von meinem Papier zu ihm aufblickte, begegnete mir sein Blick unverändert wachsam und geradeaus, nichts, aber auch gar nichts schien ihn aus der Ruhe zu bringen. Es war eine Freude, ihn zu zeichnen. Doch mit den letzten Schraffuren, den tiefen Schlagschatten wurde mir bewusst, dass ich nun bald wieder vor dem gleichen Problem stehen würde, wie vorher: Was tun, wenn ich mit dem Bild fertig war?

Und ich war fertig, daran gab es nichts zu deuteln. Ich war schon wieder dabei, bereits gesetzte Striche einfach nur noch mal nachzufahren, aber zu Zeichnen in dem Sinne gab es nichts mehr.

Ich klopfte ein wenig verlegen den Staub aus meinen Kleidern, dann nahm ich vorsichtig mein Skizzenbuch

So erhob ich mich also, worauf meine Beobachter automatisch ein wenig auseinander rückten. Mein schöner Massai-Mann bewegte sich nun ebenfalls wieder, ich sah, wie er die Schultern lockerte.

Von meinen eigenen Leuten, Okuli und den anderen, war nichts zu sehen.

Ich klopfte ein wenig verlegen den Staub aus meinen Kleidern, dann nahm ich mein Skizzenbuch, hielt es mit der linken Hand fest und trennte vorsichtig, Millimeter für Millimeter, die Seite heraus, auf die ich soeben gezeichnet hatte.

Ich sah mein Werk noch ein letztes Mal an, versuchte, es in mein Gedächtnis einzubrennen, dann streckte ich den Arm aus und hielt es ihm hin.

Fast schüchtern nahm er es entgegen, betrachtete es aufmerksam, zeigte es den andern, betrachtete es noch einmal von oben bis unten, dann hob er den Kopf und - lächelte.

Das hört sich so doof und kitschig an, wenn ich das hier so schreibe, aber dieses Lächeln rührte mich bis in mein tiefstes Inneres. Ich musste mich beherrschen, dass ich beim Zurücklächeln nicht wässrige Augen bekam. Er reichte mir die Hand zum Dank, und auf einmal war das Eis gebrochen. Auf einmal waren da nicht mehr Einheimische und Fremde, Schwarze und Weise, Massaikrieger und Touristen, sondern einfach nur Menschen. Irgendjemand hat mal gesagt, dass ein Lächeln die kürzeste Brücke vom Mensch zum Menschen sei....und genauso hab ich das in jenem Moment empfunden. Als seien für diesen Augenblick alle kulturellen Unterschiede, alles Fremde und Andersartige verschwunden, ja, mehr noch als das, in dem Moment war es nahezu unvorstellbar, wie Menschen auch nur auf die Idee kommen können, sie seien grundsätzlich verschieden.

Dieses Gefühl der Gleichheit hab ich damals so tief empfunden, dass es mich nie wieder losgelassen hat.

Und nicht nur mir ging es so. Denn mittlerweile bemerkte ich, dass auch die andern von meiner Gruppe auf einmal wieder da waren, witzigerweise schüttelten sich nun alle die Hände, ohne Grund, einfach so. Schwarze und Weiße, jeder mit jedem; es war irgendwie eine völlig schräge Situation, so unwirklich irgendwie: Einerseits so höflich, ja fast schon förmlich wie beim Empfang einer fremdländischen Delegation auf einem Staatsbankett, auf der anderen Seite aber auch so entspannt, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, dass man sich, wenn man sich in der weiten Landschaft begegnet, einfach umarmt, egal, ob man sich kennt oder nicht. Es hatte etwas Traum-haftes, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich glaube, jeder Einzelne von uns war in seinem Innern bewegt; vielleicht ist es tatsächlich so, dass mancherorts eine Atmosphäre aus dem Nichts entsteht, die so dicht und eindrücklich ist, dass sich niemand, der anwesend ist, ihrer entziehen kann.

Auf einmal war das Eis gebrochen

Ich werde diesen Augenblick nie vergessen. Man klopfte sich freundschaftlich auf die Schulter, nickte sich zu und bestaunte sich gegenseitig. Schwarze Hände tasteten sich neugierig über das blonde, lange Haar eines Mitreisenden, und wir wiederum konnten es wagen, einmal vorsichtig über die feingeflochtenen, hennagetränkten Massaizöpfe zu streichen oder das raspelkurze Kraushaar. Man verglich seine Haare, die Arme, den Schmuck, die Schuhe, man lachte und brabbelte einfach was drauf los, ob es der andere verstand oder nicht. Und immer wieder Händeschütteln und Lächeln.

Ich glaube von allen Afrika-Erlebnissen ist das dasjenige, das mich am meisten geprägt hat.

Ich denke immer wieder mal daran, frage mich, was wohl aus meinem schönen Massai-Modell geworden ist, ob er noch lebt, was er jetzt wohl gerade tut, und ob meine Zeichnung noch irgendwo existiert oder ob sie schon lang von irgendwelchen Insekten vernichtet wurde.

Aber wer weiß? Vielleicht hängt sie ja auch noch ganz vergilbt irgendwo in einer Lehmhütte, und jedem Besucher, der eintritt und sie sieht, wird erzählt: "Das hat mal ein weisses Mädchen gemacht, die auf einer Tasche im Staub saß, die hat mir das dann geschenkt."

Julia Moll, Tansania, 1992

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